Erster Tag Nordtschechien

Die durchaus schlechte Autobahn nach Dresden hinterließ doch Spuren an unseren Hinterteilen. Doch nun wird die Straße besser und die Landschaft beschaulicher. Pirna, Langhennersdorf und dann ist auch der kleine Ort Bahra schnell gefunden, der uns als erstes Nachtlager dienen soll.

Nach der Ankunft in der Bahra legen wir das Gepäck ab. Ohne Last wollen wir erst einmal die Gegend erkunden. Querfeldein geht es nach Königstein. Als man uns allerdings auf dem Parkplatz der Festung Geld abverlangen will und das Umfeld auch nicht so ganz billig aussieht, erklären wir die Festung kurzerhand für nicht sehenswert und folgen lieber dem Verlauf der Elbe.

Weiter über Struppen, Nauendorf nach Wehlen. Hier machen wir Pause am Elbufer in einem kleinem Café. Sonnenschein und Cappuccino versüßen uns die Urlaubsstimmung. Wir fahren am Ufer weiter und treffen Abends wieder in Bahra ein.

Zweiter Tag Nordtschechien

Am nächsten Tag geht es los. Gleich hinter der Grenze gibt es, wie fast überall in Tschechien Gartenzwerge in allen Variationen zu kaufen. Im nächsten Dorf entdecken wir eine Ruine von einem Haus, welches dem Anschein nach im letzten Krieg zerstört wurde. Das überdimensionale Schild mit dem Hinweis „for sale“, veranlasst Thomas zu der Überlegung, es auf dem Rückweg zu kaufen. Doch es sollte alles ganz anders kommen.

In Teplice erspähen wir zum ersten Mal ein Monument tschechischer Baukunst, das Fußballstadion. Ein riesiger Klotz aus Beton. Was es an Grösse selbst deutschen Erstligisten voraus hat, lässt es an Einfallsreichtum zu wünschen übrig. Weiter geht es auf der E13 über Most nach Chomutov. Gestreßt von der faden, Europastraße und dem plötzlichen Anblick von riesigen, steinernen Wohncontainern, die selbst Berlin-Marzahn schön aussehen lassen, entschliessen wir uns in die Berge auszuweichen.

Durch dichten Wald geht es links, rechts, rauf und runter immer an der Deutsch – Tschechischen Grenze entlang. Völlig begeistert von der Strecke rasten wir an einem Bergsee und machen Mittag. Kurz vor dem Klinovec, den höchsten Berg in dieser Gegend, werden wir schlagartig von Nebel überrascht. Ich habe Schwierigkeiten an Tommi’s Hinterrad zu bleiben, so dicht ist der Nebel inzwischen. Auf dem Gipfel empfängt uns aber schönster Sonnenschein.

Wir entschliessen uns zwischen Nejdek und Karlovy Vary ein Nachtlager zu suchen. Da die Zeltplätze eher einem Tagebau gleichen und die meisten sowieso noch geschlossen haben, kehren wir in einer kleinen Pension ein. Wir werden sehr freundlich empfangen und der Wirt bietet uns an die Motorräder Nachts im Schuppen einzuschliessen. Sehr nett, aber so schön auch die Pension Klefy Mühle aussieht, außerhalb des baufälligen Schuppens währen die Motorräder wohl sicherer.

Es ist noch Nachmittag und so machen wir frei von Gepäck einen Abstecher in die Altstadt von Karlovy Vary. Wir parken in der Innenstadt wo wir sicher sein können, dass die staunenden Jawa-Veteranen gut auf die Motorräder aufpassen. Eis- und Oblatenessen gehört genauso zum Programm, wie ein Besuch beim „Karlsbader Becher“. An einem Brunnen im Park erholen wir uns von den Strapazen des Fußmarsches. Ein Bad in den Thermalquellen kommt mir in den Sinn, doch eine heiße Dusche und ein leckeres Abendessen tun auch ihr nötiges für einen gelungenen Tagesabschluß.

Spät abends bittet uns der Wirt die Motorräder in die Veranda zu stellen, schlaftrunkend folgen wir seinem Willen und legen uns schlafen.

Dritter Tag Nordtschechien

Am nächsten Morgen fahren wir nach einem reichhaltigen Frühstück in Richtung Johanngeorgenstadt, um dann durch den Wald an der Grenze entlang fahren zu können. Nach einer engen Kurve, die durch eine Brücke führt, hält Thomas plötzlich an und will ein Foto von mir machen, wie ich in voller Schräglage durch die Brücke komme. Also fahre ich zurück um mich möglichst fotogen in die Kurve zu legen. Im Scheitelpunkt kommt mir ein mit tschechischen Waldarbeitern besetzter Skoda kurveschneidend entgegen. Mit Mühe gelingt es mir die Situation zu überstehen. Erschrocken wie ein Fahranfänger werde ich von Thomas fotografiert. Mit der Schlußfolgerung, dass mit autofahrenden Tschechen nicht zu spassen ist, fahren weiter und entschliessen uns vorerst auf solche Aktionen zu verzichten.

Kurz vor dem Grenzübergang nach Klingenthal werden wir von Schnee überrascht. In Winterurlaub wollte wohl keiner von uns fahren. Vorsichtig eiern wir mit den vollbepackten Maschinen über die schneebedeckte Straße. Den Schnee gut überstanden, gibt es erst mal Mittag. Bei Tee und Brokoliesuppe planen wir die Weiterfahrt. Über Cheb nach Marianske Lazne in das Naturschutzgebiet Zapadocesky Kray schlägt Thomas vor. In der Umgebung von Cheb spürt man die Nähe zu Bayern, sehr schöne kleine Orte, sauber und gut erhalten, aber auch sehr auf Komerz ausgelegt. Es geht den ganzen Nachmittag durch das Naturschutzgebiet die Landschaft und die Berge sind so toll, dass wir völlig vergessen, uns um eine Unterkunft für die Nacht zu kümmern.

Endlich finden wir ein kleines Dorf nahe Sokolov, Briza. Ob hier der berühmte tschechische Eishockeytorwart Petr Briza gewohnt hat? Wir finden ein Zimmer bei einer Familie. Kurz vor 18.00 Uhr finden endlich einen Lebensmittelladen, um unsere Vorräte aufzufüllen. Thomas will uns Gutes tun und spendiert tschechisches Bier in verschiedenen bunten Flaschen. Leider greift er, der Sprache nicht mächtig Alkoholfreies und Diät-Bier. Aber egal, getrunken wird’s trotzdem. Wir nehmen ein Bad in dem riesigen Gästebadezimmer und freuen uns auf den nächsten Tag.

Vierter Tag Nordtschechien

Frühstück gibt es diesmal keines, da von Westen ein Unwetter naht. Da wir nicht unbedingt naß werden wollen, verstauen wir das Gepäck auf den Motorrädern und los geht’s. Auf der Flucht vor dem Regen geht es noch einmal durch Karlovy Vary auf der E13 Richtung Chomutov. In Klasterec n. O.. Überfällt uns dann doch der Hunger und wir halten bei einem Bäcker. Für umgerechnet nicht einmal 1.- DM bekommen wir einen ganzen „Sack“ voller leckerer Hörnchen. Beim Essen fällt uns das Kloster auf, doch Zeit zur näheren Betrachtung bleibt nicht, da der Regen uns schon eingeholt hat. Mit einsetzen Regen fahren wir weiter.

Leider kommen wir an einigen Lkws mit Kohle beladen nicht vorbei und bleiben dahinter. Endlos lange Kilometer fahren wir durch ein Gebiet mit Tagebau und Braunkohlekraftwerken. Hier wird Raubbau an der Natur betrieben. Die Quittung dafür ist eine Baumgrenze auf einer Höhe manchmal gerade 1000 Metern. An der ersten Tankstelle halten wir. Von dem Hinterherfahren auf schmieriger Straße sehen die Motorräder wie nach einer Off-Road Veranstaltung im Tagebau. Der Luftfilter der KLE habe ich beim Reinigen zu Hause eigentlich nur noch der Familie der Braunkohler zuordnen können. Nach kurzer Absprache tanken wir voll und suchen uns eine Bank um noch einmal Geld zu tauschen, für eine letzte Tankfüllung vor der Grenze. Eine Bank ist dann auch schnell gefunden. Da es keine Parkplätze gibt parken wir auf dem riesigen Gehweg. Thomas bleibt bei den Maschinen und ich geh‘ rasch Geld wechseln. Freudestrahlend komme ich nach wenigen Minuten mit 450 Kronen wieder heraus, da hat uns auch schon ein Polizist entdeckt. Thomas kann man auch keine 3 Minuten alleine lassen. „Jeweils 200 Kronen für Falschparken verlangen der Ordnungshüter“, übersetzt uns ein Einheimischer. Widerwillig geben wir ihnen fast alles was wir eben getauscht haben und werden dann eben nicht noch einmal tanken. Doch die Wut verfliegt recht schnell, wenn man bedenkt, daß 10 DM eigentlich lächerlich für Falschparken sind.

Da wir den kommenden Abschnitt der E13 schon kennen, und er uns nicht sonderlich erbaut hat, wollen wir wieder in die Berge. Jirkov heißt die Abzweigung, doch einmal in Jirkov -> immer in Jirkov. Alle Hinweisschilder in diesem Ort zeigen uns den Weg nach Jirkov. Irgendwie, nach mehreren Kreis- und Irrfahrten finden wir heraus. Es geht durch viele kleine Dörfer, in denen man, wie fast überall auf unserer Reise, den Straßenbau völlig verlernt hat. Hier wird einfach Schotter auf die Straße gekippt, dann kommt schwarze Erde drüber und ist eine Walze vorhanden, wird die Straße einigermaßen geglättet. So lange es friert, ist die Straße gut. Doch wenn es wie jetzt im März taut ergeben sich prima Schotterpisten, die in jedem Motorradfahrer ein Off-Road Feeling erwecken. In einem Dorf sind (wahrscheinlich) gerade alle Bewohner damit beschäftigt den Schotter von der Straße zu räumen oder das Dorf irgendwie zu säubern. Vielleicht wird es nach diesem Sobotnik zum schönsten Dorf gewählt. Begeistert von Schotterstraßen, Landschaft und einem Bach, der die Natürliche Grenze zu Deutschland darstellt, verlieren wir wiedereinmal die Orientierung. Da sich der Regen jetzt auch hier ankündigt, wollen wir den nächsten Grenzübergang nehmen den wir finden.

Nova Ves n Horach – Deutschneudorf. Leider erweist sich das als Fehler. Die hierher gefahrenen Kilometer sind umsonst, da sich hier nur ein Fußgängergrenzübergang befindet und man uns nicht passieren lassen will. Genervt essen wir ein paar Hörnchen und sehen auf einer Wanderkarte eine Abkürzung nach Zinnwald. Es geht höher und die Straßen werden enger. Nach einer Kurve auf dem Gipfel des Berges liegt plötzlich Schnee. Gute 50 bis 70 cm versperren uns den Weg. Sollten wir so kurz vor dem Ziel wieder umkehren? Wir halten. Wie eine Lawine liegt da ein Haufen Schnee, auf einer Länge von 50 Metern quer über den Weg. Woher kommt die „Lawine“, wir sind doch schon ganz oben. Thomas klappt sein Visier auf und sagt : „Da kommen wir nicht drüber“, startet sein Motorrad und fährt wild entschlossen drauf los. 20 Meter wühlt sich die XT durch den Schnee, bevor sie sich gnadenlos eingräbt.

In Gedanken packe ich schon meinen Klappspaten aus. Ich schiebe ihn an und sehe danach aus wie ein Schneemann. So die Yamaha ist durch. Ich komme mit meiner Kawa erst gar nicht soweit. Allerdings erweist der Motorschutz als prima Schlitten und wir schieben die KLE gemeinsam durch die Spur der XT. Ohne Gepäck hätte uns der Schnee bestimmt einen heiden Spaß gemacht.

Kaum drüben, fängt es wie aus Eimern an zu schütten. Recht gut finden wir dann auch die Schnellstraße nach Zinnwald. Der Regen knallt uns ins Gesicht, doch wir denken nur noch an eine warme Dusche. An der Grenze lässt man uns schnell passieren und wir treffen alsbald in wieder Bahra ein, von wo aus es am nächsten Morgen in Richtung Berlin, nach Hause geht.